GESCHICHTE
Im Jahre 2000 entdeckten Archäologen ein Hundgrab im Tal des Kamtschatka Flusses am Ufer des Uschkowskoje Sees. Das Alter des Grabes schätzt man auf etwa 12000 Jahre. Man geht davon aus, daß der Hund von den Menschen der Halbinsel Kamtschatka vor vielen tausend Jahren gezähmt wurde. Seitdem ist er zu einem unersetzbaren Gehilfen der Ureinwohner geworden. Während der Ausgrabungen desselben Standortes der Urmenschen in Uschkowskaja finden Wissenschaftler Überreste von knöchernen Schlittenkufen und Teile eines Schlittenhundegespannes, die etwa 1.5 - 2 Tausend Jahre alt sind. Es zeigt sich, dass Hunde auf Kamtschatka schon vor 2000 Jahren zum Transport von Waren und Menschen benutzt wurden. Man weiß nicht genau, wie der kamtschatskische Hund vor 1000 Jahren aussah. Doch weiß man genau, wie Schlittenhunde im 17. - 18. Jahrhundert aussahen. Alle Erforscher Kamtschatkas haben Geschichten und Beschreibungen dieser Hunde hinterlassen. Es handelte sich hier um einen großen, wolfsähnlichen Hund mit dichtem Haar, gewöhnlich grauer, dunkelroter oder weißer Farbe, außerordentlich ausdauernd und rasch, anspruchslos in Futter und Pflege, still und gescheit. Stepan Krascheninnikow hat in seinem Werk "Beschreibung des Landes von Kamtschatka" die Benutzung von Schlittenhundegespannen eine einzigartige Erfindung der Ureinwohner genannt. Vor 300 Jahren waren Hundeschlitten im Winter das einzige zuverlässige Transportmittel. Zwar wurden auch zahme Rentiere zu Transportzwecken benutzt und diese übertrafen die Hunde in Geschwindigkeit, aber Rentiere bedurften spezielle Pflege und brauchten häufig Rast und Futter. Auch waren sie wetteranfälliger als die Hunde. Es werden viele Fälle beschrieben, bei denen Schlittenhundeteams nach 7 - 10 tägigen Schneestürmen glücklich in die Siedlung zurückgekehrt sind. Die Hunde wurden als lebende Wärmflaschen benutzt, und wenn die Lebensmittel zu Ende gingen, schlug der Kajur ( wie ein Musher auf Kamtschatka traditionell genannt wird ) einen der Hunde tot, aß sein Fleisch und fütterte die übrigen Hunde. Wenn das Wetter sich verbesserte, hatten Mann und Team genug Kraft, ihre Reise fortzusetzen. In der Tundra oder im Wald fühlte sich der Musher sicher, dort konnten die Hunde den Weg zur Lager sogar nach den stärksten Schneestürmen ausfindig machen und den Weg unter einer dicken Schneeschicht problemlos finden. Deshalb war ein 4-Hundegespann sehr teuer - 60 Rubel! Zu jener Zeit überstieg ein solcher Betrag das jährliche Gehalt eines Kosaken ( Beamter der Grenzwache). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich der Preis eines Schlittenhundes nicht verändert. Ein Leithund wurde wie eine gute Milchkuh verkauft. Sogar aus Tschukotka kamen Musher, um gute Schlittenhunde zu kaufen, denn es war sicher, dass die kamtschatskische Zughunderasse in ihrer Arbeitsqualität die lokale Rasse übertraf. Das Leben ohne Schlittenhunde war auf Kamtschatka unmöglich. Der gesamte Transport der Region wurde über Schlittenhundeteams abgewickelt. Die Gebühren waren festgelegt: für die Fahrt mit dem Hundschlitten berechnete man 6 Kopeken pro Werst (ehemaliges russisches Langenmass = 1,06 km ). Die wohlhabenderen Menschen reisten mit Komfort - in geschlossenen Schlittenkutschen, die mit Teppichen und Öfen ausgestattet waren. Eine solche Schlittenkutsche wurde manchmal von mehr als zwanzig Hunden gezogen. Kamtschatskische Zughunde arbeiteten auch im Sommer - sie zogen an Flussufern Boote stromaufwärts. Schlittenhunde sind fest in der Lebensweise, Religion und den Märchen der Kamtschatkaer Ureinwohner verankert. Der Sage nach sind Gebirge und Täler entstanden, als der Gott Kutkh mit einem Hundegespannen fuhr. Und wenn der Leithund Koseji aus dem Hundeschlitten des Gottes Tujla sich schüttelte, löste er Erdbeben aus. In vorchristlicher Zeit wurden Hunde geopfert, und ihr Blut wurde bei der Behandlung von Hautkrankheiten ausgenutzt. Natürlich gab es auf Kamtchatka kein Fest ohne Schlittenhunderennen. Kurz gesagt, man liebte und behütete die Hunde der Halbinsel. Der Kampf um die Reinheit der Rasse war sehr hart: alle Rüden in den Siedlungen und Standorten, die nicht für die Zucht taugten, wurden kastriert . Davon verschont wurden nur 2 -3 Rüden mit hervorragenden Qualitäten, die später zum Decken eingesetzt wurden. Außerdem gab es auf Kamtschatka ein ungeschriebenes Gesetz: es war verboten, Gebrauchshunde wie Setter, Schäferhunde, Terrier usw. mitzubringen. Der mitgebrachte Hund fremder Rasse, wurde, wenn er frei lief, sofort eliminiert. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es viele ausgezeichnete Teams auf Kamtschatka. Circa 50000 Schlittenhunde sicherten die Verbindung zwischen 150 Standorten. Post, Lebensmittel, Arzneimittel und Reisende wurden transportiert. Bis in die sechziger Jahre hinein waren die Hunde das einzige Transportmittel. Dann kam die Technik nach Norden - Motorschlitten, Hubschrauber, Geländefahrzeuge. Rückblickend betrachtet ist schwer zu sagen, was nun genau geschah.. Angeblich soll ein hoher Funktionär von einem Schlittenhund gebissen worden sein. Vielleicht störte einige hohe Funktionäre auch nur das Geheul der Schlittenhunde im Schlaf. Oder irgend jemand fand, dass die Schlittenhunde zu viel Lachs fraßen. Jedenfalls erklärte man den Schlittenhunden auf Kamtschatka den Krieg.

VERNICHTUNG
Spezielle Erlasse und Rechtsbestimmungen wurden von lokalen Autoritäten erlassen, denen entsprechend es verboten war, Hunde in Siedlungen halten und das nötige Futter (Fisch) für sie zu besorgen. Hunde wurden als Verursacher von Infektionskrankheiten, für nutzlos und gefährlich erklärt. Die Vernichtung begann. In den nördlichen Siedlungen war das Abschießen barbarisch. Man tötete Hunde nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tage, oft vor den Augen der Kinder. Die Jagd auf Hunde war für viele zum Broterwerb geworden. Es reichte, zum entsprechenden Sammelpunkt Hundohren oder einen Hundkopf mitzubringen, um 8 Rubel für einen Abschuss zu bekommen. Ein Hundefell brachte etwa 15 Rubel. Bei einem monatlichen Durschschnittslohn von 100 Rubel waren 23 Rubel für einen Abschuss natürlich ein willkommenes Zubrot. Dies ging soweit, das sogar Hunde, die vor Häusern angebunden waren, getötet wurden. Selbst Hunde, die vermeintlich sicher von Ihren Besitzern in Schuppen weggesperrt wurden, wurden gestohlen und getötet. So wurden im Dorf Lesnaja im Winter 1987 300 Hunde geschossen. Dies brachte die Einwohner in große Schwierigkeiten, weil man sie ihrer Transportmöglichkeiten beraubt hatte. Niemand konnte mehr zur Jagd oder zum Fischen fahren; das Heranschaffen von Brennholz war unmöglich geworden. Schlittenhundebesitzer versuchten ihre Hunde zu retten - die einen schickten Briefe zu Gebietsstaatsanwaltschaft, die andere sandten Artikeln an Zeitungen und Zeitschriften. Manche Hunde wurden teilweise geschoren, in der Hoffnung, dass es sie vor dem Tode bewahrte. Denn der Grund für die Schlächterei war das schöne Fell. In fast allen Dörfern der Umgegend entstanden kleine Werkstätten, in denen man aus Hundefell Fellmützen, Fellstiefel und Fellmäntel fertigte. Es sei erwähnt, dass die kamtschatskische Zughunderasse eine Besonderheit hat - je besser die Arbeitsfähigkeit des Hundes, desto besser ist sein Fell. Fazit des Mordens: in nur wenigen Jahren wurden die kamtschatskische Schlittenhunderasse nahezu ausgerottet. Mehr als 20 Jahre dauerte diese Politik in Bezug auf die Schlittenhunde. Im Jahre 1990 aber begann man auf Kamtschatka über Wiederbelebung nördlichen Traditionen sprechen, und es wurde beschlossen, das erste Schlittenhunderennen seit Jahren zu veranstalten.
WIEDERGEBURT ?
Im Jahre 1990, aus Initiative der Zeitschrift "Nordische Räume" und "Russischer Fond der Völker des Nordens, Sibirien und des fernen Ostens" wurde das Schlittenhunderennen "Beringia" zwischen den Dörfern Esso und Milkowo über eine Strecke von 250 Kilometern organisiert. In allen Dörfern und Siedlungen Kamtschatkas wurde die Reklametrommel für das Rennen gerührt. Die Veranstalter stellten den Teilnehmern Wohnungen zur Verfügung, bezahlten die Fahrt zum Startplatz, bezahlten Essen und Hundefutter. Doch nur 9 Musher meldeten für das Rennen. Insgesamt 76 Hunde wurden in Esso an den Start gebracht. Ein Hundeexperte, der sie vor dem Start musterte, stellte fest, das nur 12 Hunde dem Aussehen nach dem Standard des kamtschatskisches Zughundes entsprachen. Die übrigen waren eine bunte Mischung aus zahlreichen Kulturrassen. Man fand massige und zum teil aggressive Hunde, die Schäferhunden glichen, es kamen kurzfellige Nachkommen von Hühnerhunden, die vor Kälte zitterten. Kurz gesagt handelte es sich nicht um Wiedergeburt, sondern um die Entartung kamtschatskischer Zughunde. Dem entsprechend war die Geschwindigkeit, mit der die Hunde das Rennens liefen. Auf den letzten 50 Kilometern fuhr der Sieger nur 7 km/h. Der Grund dafür war aber nicht nur die Rasselosigkeit der Hunde. Während der 2 Jahrzehnte des Hundegenozides hatten kamtschatkische Musher verlernt, Schlittenhunde zu pflegen und lieben. Die Hunde liefen in harten, schlecht passenden Geschirren; manche der Hunde waren erschöpft und immer hungrig, und der Schlitten war viel zu schwer für sie. Traditionellerweise saßen die Musher im Hundeschlitten und gaben den Hunde überhaupt keine Hilfe während der Aufstiege und im tiefen Schnee. Es galt als normal, den Hund, der nicht richtig arbeitete, zu schlagen. Hunde, die zu schwach zum Arbeiten waren, wanderten in den Kochtopf oder wurden einfach am Rande des Trails liegen gelassen. Dies waren schlimme Zustände, doch kein Gesetz schützte die Hunde. Während der Zeit der Hundeschlächterei hatten die Menschen nicht nur die Regeln der Schlittenhundezucht, sondern auch die Achtung vor dem Arbeitshund verloren. Der Schlittenhund war für die meisten Ureinwohner ein wertloses Ding geworden, das man verlassen, verkrüppeln und töten konnte. Seit 1990 wird das Schlittenhunderenen "Beringia" jährlich veranstaltet. Die Veranstalter versuchten, das Rennen in ein Fest mit nationalen Zügen zu verwandeln - Volkskunstensembles sangen und tanzten am Startplatz, Journalisten fotografierten Musher in traditionellen nördlichen Bekleidungen. Aber die Schlittenhunde blieben Nebensache, nur wenige Leute interessierten sich für ihr Befinden und ihre Haltung. Keiner der Veranstalter erklärte den Mushern und Zuschauern, dass die Hunde die eigentlichen Haupthelden eines solchen Wettrennens sind. Man war den Hunden gegenüber bestenfalls gleichmütig eingestellt. Vielleicht ist das der Grund, warum sich die Zahl guter Schlittenhunde in nördlichen kamtschatkaer Siedlungen seit dem ersten Beringia-Rennen kaum vergrößert hat. Im März 2001 meldeten nur 15 Teams.
WAS TUN ?
In den letzten 10 Jahren sind einige gute Schlittenhundesportschulen, in denen man die kamtschatskische Zughunderasse züchtet, entstanden. Diese Schlittenhundeschulen trennen aber hunderte von Kilometern von einander. Die ständigen Verbindungsprobleme und das Fehlen von Straßen machen den Austausch untereinander nahezu unmöglich. Obwohl die Schlittenhundeschulen üblichen Normen entsprechen, können sie die allgemeine Situation auf der Halbinsel nur wenig beeinflussen. Meiner Meinung nach kann nur ein nach internationalen Regeln veranstaltetes Rennen die Situation verbessern. Ein Rennen, in dem der Schlittenhund im Zentrum der Aufmerksamkeit steht; in dem eine Brigade von Tierärzten auf das Wohl der Hunde achtet; ein Rennen, in dem der Verlust eines Hundes als Unglück betrachtet wird. Bisher gab es leider nur ein Beringia-Rennen, an dem ausländische Musher teilgenommen haben - 1994 nahmen 2 Musher aus Deutschland am Rennen teil. Erstaunt sahen Korjakische Schlittenführer, wie die Deutschen ihre Hunde pflegten, immer mehr bewunderte man die Geschwindigkeit, mit der die "verwöhnten" fremden Hunde liefen. Die ersten 3 Tage beobachteten die Schlittenführer nur, dann begannen sie, das Verhalten der Deutschen nachzuahmen - sie legten den Hunden Heu zur Nacht hin, tränkten sie am Morgen, setzten einen ermüdete Hund auch mal in den Schlitten. Ich glaube, dass die ortansässigen Musher, die am "Beringia -94" teilnahmen, ihre Sicht in Bezug auf die Behandlung der Hunde verändert haben. Das Interesse an Schlittenhunderennen sowohl in Russland als auch auf Kamtschatka wuchs mit jedem Jahr. Im Jahre 1997 veranstaltete das kamtschatkaer Zentrum des Schlittenhundesports ein printschlittenhunderennen für Kinder und Erwachsene. Und nun schmieden wir Pläne für ein mehrtägiges Rennen in der Nähe von Petropawlowsk - Kamtschatskij, das wir im Laufe der nächste 2 -3 Jahren organisieren möchten. Die wunderschöne Landschaft, die Aprilsonne, ein guter Trail und, selbstverständlich, die Beachtung der internationalen Regeln - sind die Grundbedingungen für die Austragung dieses Wettbewerbes. Wir haben schon Interessenten unter den kamtschatskischen Geschäftsleuten gefunden, die uns unterstützen wollen. Außerdem wird unser Vorhaben von der Gebietsverwaltung unterstützt. Wir möchten gerne, dass nicht nur Sportler aus der Mitte Rußlands, sondern auch Musher aus dem Ausland den Weg zu uns finden.
Das Rennen in der kommenden Saison findet vom 13.-28.03.2010 statt.
Weitere Infos: http://www.beringia.ru/
Der Artikel Janine Eichmann mit der Bitte um Veröffentlichung eingesandt.
Vielleicht finden sich einige Musher, die Interesse haben.
| KAMTSCHATKAER SCHLITTENHUNDE Gestern? Heute? Morgen? | Anmelden, Mitglied werden | 0 Kommentare | |
|
| |
| Für Kommentare sind ausschliesslich deren Verfasser verantwortlich |